200 Jahre Schützenverein Sutrum-Harum

Zwei Jahrhunderte gelebte Gemeinschaft

Wenn ein Verein auf 200 Jahre Geschichte zurückblicken kann, erzählt das nicht nur von Daten und Namen. Es erzählt vor allem von Generationen von Menschen, die Zusammenhalt, Brauchtum und Lebensfreude gepflegt haben.

Die frühen Wurzeln

Die Ursprünge der Bauernschaften Sutrum und Harum reichen weit zurück. Bereits im 11. Jahrhundert tauchen die Namen Suterhem und Harhem in Urkunden auf. Die Höfe gruppierten sich ringförmig um den Thieberg und bildeten damit die Grundlage des heutigen Neuenkirchen. Um 1400 wurden in einem Markenverzeichnis bereits 20 Höfe aus Sutheren und Nyen Kercken genannt.

Im 19. Jahrhundert war das Münsterland stark landwirtschaftlich geprägt. Die preußische Gemeinheitsteilung von 1821 brachte wirtschaftliche Veränderungen und mehr Eigenständigkeit für viele Bauern. Zugleich wuchs der Wunsch nach Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Als Gründungsjahr des Schützenvereins Sutrum-Harum gilt das Jahr 1826. Initiator war Bernard Hermann Keuhs. Er lud rund 20 Männer aus der Bauernschaft in das Gasthaus Lacombe ein, um den Verein ins Leben zu rufen.

Die Geburtsstätte des Vereins lag damit zunächst außerhalb der Bauernschaft. Über viele Jahrzehnte wurden die Vereinsveranstaltungen dort gefeiert, da es in Sutrum-Harum selbst noch keine Gastwirtschaft gab.

An Bernard Hermann Keuhs erinnert bis heute die Hermann-Keuhs-Straße im Neubaugebiet, benannt nach einem Mann, der sich um das Schützenwesen in Sutrum-Harum besonders verdient gemacht hat.

Das erste Schützenfest

Wer glaubt, dass nach der Gründung sofort das erste Schützenfest gefeiert wurde, irrt. Erst zwei Jahre später, im Jahr 1828, fand das erste überlieferte Schützenfest mit 34 Teilnehmern statt.

Wer damals den Königsschuss abgab, ist heute nicht mehr bekannt. Ebenso wenig ist überliefert, wie die Ehrung des Königs verlief oder welche Rechte und Pflichten mit der Königswürde verbunden waren. Eine Königskette oder feste Rituale dürfte es zu dieser Zeit noch nicht gegeben haben.

Dennoch stand das Fest bereits ganz im Zeichen von Gemeinschaft, Zusammenhalt und gelebtem Brauchtum. Werte, die den Verein bis heute prägen.

Über die ersten Jahrzehnte des Vereinslebens ist nur wenig gesichert überliefert. Vermutlich fanden die Schützenfeste nicht jährlich statt, sondern wurden abhängig von den jeweiligen Umständen gefeiert. Auch feste Satzungen oder Statuten dürfte der Verein zunächst noch nicht besessen haben.

Am 26. Dezember 1861 verstarb Vereinsgründer Bernard Hermann Keuhs. Wie lange er den Verein aktiv führte, ist heute nicht mehr bekannt.

Bewahrte Geschichte

Die Geschichte des Schützenvereins zu bewahren, war nicht selbstverständlich. Viele ältere Unterlagen gingen während des Zweiten Weltkriegs und in der Besatzungszeit verloren. Auch die Nutzung des Vereinslokals durch Besatzungstruppen trug dazu bei, dass zahlreiche Dokumente unwiederbringlich verschwanden.

Umso bedeutender war die Initiative des damaligen Vorstandes im Jahr 1966. Unter Vorsitz von Paul Flüthmann und Schriftführer Bernhard Altenhülsing begann man, die Vereinsgeschichte neu zusammenzutragen. Ehemalige Mitglieder und Zeitzeugen berichteten von ihren Erinnerungen, Fotografien und Dokumente wurden gesammelt und gesichert. Ergänzt durch Fotos, Urkunden und persönliche Unterlagen entstand so die Grundlage der heutigen Vereinschronik.

Ohne dieses Engagement wären viele Geschichten und Erinnerungen für immer verloren gegangen.

Fastaobend und gesellige Traditionen

Neben dem Schützenfest spielte auch der „Fastaobend“ früh eine wichtige Rolle im Vereinsleben. Traditionell wurden am Tag vor dem Fest bei den Mitgliedern Mettwürste eingesammelt, die anschließend gemeinsam verzehrt wurden – begleitet von Musik, Geselligkeit und manchem Schnaps.

Besonders beliebt war das sogenannte Mettwurstaufholen. Mit Gesang und guter Stimmung zogen die Schützen durch die Bauerschaft.

Dass dabei nicht immer alles ruhig verlief, zeigt eine überlieferte Episode aus dem Jahr 1912: Nach einem ausgelassenen Rundgang durchs Dorf wurden mehrere Schützen wegen „ruhestörenden Lärms“ angezeigt. Das königliche Schöffengericht in Burgsteinfurt verhängte Geldstrafen von jeweils einer Mark – ersatzweise einen Tag Haft.

In der Begründung hieß es sogar, die Schützen hätten „mehr als 20 Mettwürste unbefugter Weise gesammelt“ und durch lautes Singen öffentliches Ärgernis erregt.

Vereinslokal mit Kultstatus

Im Jahr 1876 wechselte der Verein sein Vereinslokal nach Sutrum-Harum zur Gastwirtschaft von Gerhard Kaulinglöbbers, besser bekannt als „Schmitz Giärd“.

Seine humorvolle und schlagfertige Art machte ihn weit über die Bauerschaft hinaus bekannt. Die Gastwirtschaft entwickelte sich schnell zum Mittelpunkt des Vereinslebens.

Wenn Gäste sich über abgestandenes Bier beschwerten, soll „Schmitz Giärd“ trocken geantwortet haben:

„Well’t nich mag, kann’t staohn loaten – usse Giärd un ick müegt’t wull.“

Kriegszeiten und Neubeginn

Die beiden Weltkriege hinterließen tiefe Spuren im Verein. Bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 fielen Vereinsmitglieder. Im Ersten Weltkrieg wurde nahezu der gesamte Verein eingezogen; 42 Männer kehrten nicht zurück. Auch im Zweiten Weltkrieg mussten viele Mitglieder erneut einrücken, zahlreiche Männer verloren ihr Leben.

Die Namen der Gefallenen aus beiden Weltkriegen sind bis heute auf einer Gedenktafel verewigt.

Zwischen 1915 und 1918 ruhte das Vereinsleben erstmals vollständig. Doch bereits 1919 wurde mit der Krönung von Josef Naber wieder Schützenfest gefeiert. Ein wichtiger Neuanfang nach schweren Jahren.

Noch einschneidender waren die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Von 1939 bis 1947 kam das Vereinsleben vollständig zum Erliegen. Zudem wurden die Schützenvereine ab 1936 in staatlich übergeordnete Organisationen eingegliedert und politischen Vorgaben unterstellt.

Selbst traditionelle Veranstaltungen waren betroffen: 1937 musste das Fastnachts-Wurstaufholen wegen einer Maul- und Klauenseuche ausfallen.

Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau des Vereins unter der Leitung engagierter Mitglieder wie Josef Laumann und Bernhard Flege.

Der Spielmannszug – das musikalische Herz des Vereins

Eine besondere Rolle in der Vereinsgeschichte spielt der Spielmannszug. Gegründet wurde er im Jahr 1921 zunächst als „Pfeifer- und Trommlerkorps“.

Die Ausbilder Rudolf Rengers und Heinrich Hopp formten aus 14 Musikern eine spielfähige Truppe, die bereits 1923 den Schützenzug musikalisch anführte. Der liebevolle Spitzname „Klöppelmusik“ war schnell weit über die Bauernschaft hinaus bekannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen insbesondere Karl Klaas und Tambourmajor Hermann Schlattmann maßgeblich zum Wiederaufbau des Spielmannszuges bei.

Ein tragisches Kapitel ereignete sich jedoch im Jahr 1963: Auf der Rückfahrt von einem Schützenfest kamen vier Mitglieder des Spielmannszuges bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Aus Respekt und Trauer wurde das folgende Fest abgesagt. Der Heithöker Spielmannszug sprang damals solidarisch ein.

Bis heute bildet der Spielmannszug das musikalische Herz des Vereins und prägt das Vereinsleben über Generationen hinweg. Gleichzeitig führt er seit vielen Jahrzehnten Kinder und Jugendliche früh an Gemeinschaft, Musik und das Vereinsleben heran und stärkt damit die Verbundenheit der jüngeren Generationen mit dem Verein.

Legendäre Geschichten

Die Vereinsgeschichte kennt viele besondere Anekdoten.

Berühmt wurde vor allem der legendäre „Vogel von 1921“. Damals musste der amtierende König den Vogel noch selbst herstellen. August Flüthmann fertigte ihn aus besonders hartem Buchenholz und behandelte das Holz mehrfach mit Öl und Hitze, um es widerstandsfähiger zu machen. Das Ergebnis war ein nahezu unzerstörbarer Vogel, in den sich kaum noch ein Nagel schlagen ließ und auf dem selbst die Farbe kaum hielt.

Beim Vogelschießen zeigte sich schnell, wie standhaft das hölzerne „Tier“ geworden war. Stunde um Stunde schossen die Schützen zunächst mit normaler Munition, später sogar mit Karabinern, doch der Vogel bewegte sich kaum.

Erst als die vorgesehene Zeit bereits deutlich überschritten war, beendete Alfons Mühren das Spektakel kurzerhand, indem er die Vogelstange durchschoss. Damit ging er als „Stangenkönig“ in die Vereinsgeschichte ein.

Auch 1932 sorgte ein Vorfall für Heiterkeit: Als die Königin aus Münster abgeholt wurde, führte der Rückweg durch Wettringen, wo gerade der Bischof zur Firmung erwartet wurde. Als die Wagenkolonne erschien, glaubten viele Zuschauer, der Bischof sei angekommen, und knieten nieder. Ein Adjutant nutzte die Gelegenheit spontan für einen improvisierten Segensakt.

Wandel und neue Impulse

Auch gesellschaftliche Veränderungen spiegelten sich im Vereinsleben wider. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden neue Akzente gesetzt. Die Schießgruppe wurde wiederbelebt, und 1971 wurde erstmals Vereinskarneval gefeiert.

Im Jahre 1974 wurde zudem die Prinzengarde gegründet. In den folgenden Jahren kamen die Junioren- und die Kindergarde hinzu. Bis heute prägen sie das Vereinsleben und fördern schon früh die Verbundenheit der jüngeren Generationen mit dem Verein.

Seit 1985 gehört der Damenkaffee fest zum Programm und steht beispielhaft für die familiäre Atmosphäre des Vereins.

Dass beim Schützenverein nicht immer nur am Vogel um die Ehre gerungen wurde, zeigte das Jahr 2004. Damals wurde der Wettstreit kurzerhand vom Schießstand an den Herd verlegt. Beim Kochduell zwischen Sutrum-Harum und Offlum traten für Sutrum-Harum Konrad Hölscher, Günter Berning und Josef Klaas an. Statt Kugeln flogen Mehl, Pfannen und gute Sprüche durch den Raum. Mit viel Gelächter wurde über Teig, Gewürze und Kochkünste diskutiert. Am Ende bewiesen Konrad Hölscher, Günter Berning und Josef Klaas das bessere Händchen am Herd und entschieden das Duell für sich. Doch wichtiger als der Sieg war die Freude an der freundschaftlichen Rivalität, die den Wettbewerb zu einem besonderen Ereignis machte.

Auch aktuelle Herausforderungen wurden gemeinsam gemeistert. Während der Corona-Pandemie mussten 2020 und 2021 die Feste ausfallen. 2022 konnte endlich wieder gefeiert werden, verbunden mit dem nachgeholten 100-jährigen Jubiläum des Spielmannszuges.

Die Welt grüßt Sutrum-Harum

Im Vorfeld des 200-jährigen Vereinsjubiläums im Jahr 2026 entstand mit der Aktion „Die Welt grüßt Sutrum-Harum“eine besondere Idee. Mitglieder, Freunde und Unterstützer des Vereins nahmen die Vereinsfahne mit auf ihre Reisen und fotografierten sie an den unterschiedlichsten Orten der Welt.

Ob an bekannten Sehenswürdigkeiten, in großen Metropolen, in den Bergen oder am Meer – überall entstanden Grüße an die Heimat. Die zahlreichen Einsendungen machten sichtbar, wie weit die Verbundenheit mit Sutrum-Harum über die Grenzen der Bauerschaft hinausreicht.

Unter dem Motto „Die Welt grüßt Sutrum-Harum“ wurde das Jubiläumsjahr so bereits lange vor den eigentlichen Feierlichkeiten lebendig und für viele Menschen erlebbar.

Ein Verein mit Zukunft

Heute zählt der Schützenverein Sutrum-Harum e.V. mehr als 600 Mitglieder. Er verbindet Tradition, Musik, Humor und gesellschaftliches Engagement.

So steht am Ende des Jubiläumsjahres nicht nur das Feiern im Mittelpunkt, sondern auch der stolze Blick auf 200 Jahre gelebte Gemeinschaft.

Ein Verein, der seine Wurzeln kennt, seine Geschichte bewahrt und mit Zuversicht in die Zukunft schaut. Mit Stolz auf das, was war, und Freude auf das, was kommt.